manische Depression

“Du tust mir nicht gut. Ich will dich nie wieder sehen! Und Marlene auch nicht. Lasst mich einfach in Ruhe, ein für allemal“ sagte er anklagend und funkelte sie wütend aus seinen sonst so sanften, braunen Augen an.

Er hatte wieder die 180° Drehung hingelegt. Als hätte sie einen anderen Menschen vor sich als noch vor 10 Minuten. Er konnte sich innerhalb von Sekunden so verändern. Ohne Vorwarnung. Wie ein Chamelion.

Seine tiefe Wut und Verzweiflung waren für Jana greifbar, so als würde sie selber so fühlen. Das lag an ihren Gefühlen zu Alex. Erst einmal hatte sie einen Mann so sehr geliebt. Das war ewig her.

Das war zwischen ihnen schon immer so gewesen. Seit dem ersten Gespräch, schon seit dem ersten Blick, war da etwas unerklärbar Magisches gewesen. Sie konnte fühlen, was er dachte. Eine Seelenverbindung. Wenn auch keine gesunde.

Denn seinen ganzen inneren Horror, seine Zerissenheit, seine fehlende Liebe zu sich selbst, das alles fühlte Jana auch. Das tat ihr nicht gut.

Sie reagierte nicht auf seine Angriffe. Aussagen wie “ich will euch nie wieder sehen“ kannte sie schon zu gut. Er wollte sie verletzen und provozieren. Sie war in seinen Augen im Moment das personifizierte Böse, wollte ihm Schlechtes. Jana wusste, dass jedes Wort von ihr jetzt die sowieso schon unerträgliche Situation nur verschlimmern würde.

Trotz allem gehörte er zur Familie. Er war ein Teil ihrer wunderbaren kleinen Tochter, ebenso wie sie selbst. Und sie wusste, wie sehr er sein Kind liebte. Nur sie kannte ihn als Vater, sah die zärtlichen, innigen Stunden, die die beiden gemeinsam verbrachten.

Er konnte so anders sein.

Aber die Räuberprinzessin ging vor. Marlene brauchte eine Mutter, die für sie da war und sie beschützte. Das war wichtiger als alles andere. Jana würde dafür jedes Opfer bringen, jedes eigene Leid in Kauf nehmen.

Deswegen musste Alex nun gehen. Auch wenn es weh tat.

“Komm wieder, wenn es vorbei ist.“ sagte sie und machte die Tür zu. Sie ließ einen kurzen Moment die Verzweiflung zu, die sie wie ein vertrauter, alter Freund überkam.

Dann hob sie den Kopf, wischte ein paar Tränen aus ihren blauen Augen, die jeder, auch sie selbst, so mochte, fuhr sich durch die blonden, langen Haare und steckte ein paar Spangen fest, obwohl es gar nichts zu richten gab.

Dann atmete sie tief durch. “Du Idiot!“ dachte sie insbrünstig. “Es könnte alles gut sein. Wieso willst du einfach nicht gesund werden?“

Diese Momente passierten seit einem Jahr mindestens alle drei Monate. Es brachte nichts, auf ihn einzureden, sich zu wehren oder mit ihm zu streiten. Wenn Alex so drauf war, nahm er nichts mehr wahr.

Es war eine Krankheit.

Manische Depression.

“Gut, dass Marlene so tief schläft,“ dachte Jana erleichtert . Seitdem Alex das erste Mal einen solchen Ausraster hatte, als Marlene noch in ihrem Bauch war, tat sie alles dafür, dass ihre vier Monate alte Tochter die Stimmungen ihres Vaters nicht mitbekam. Bisher klappte das gut. Janas Selbstbeherrschung wurde aber jedesmal hart auf die Probe gestellt, denn ihre Emotionen fuhren Achterbahn, wenn Alex diese “Phasen” durchlebte.

Nicht aus Angst, sie wusste, dass er keiner Fliege etwas zu leide tun konnte. Nein, sie fürchtete sich nicht vor ihm. Es war Traurigkeit. Er war der einzige Mensch, der es schaffte, sie zum Weinen zu bringen.

„Mit steigendem Alter wird es schwierig werden, das vor Marlene zu verbergen. Was soll ich nur tun?“, überlegte sie, nicht zum ersten Mal. Es musste etwas passieren. Dringend. Seine Erkrankung machte sie fertig und sie fühlte sich ohnmächtig.

Jeder riet ihr, ihm den Kontakt zu seiner Tochter zu verbieten. Doch das lehnte sie entschieden ab.

“Als es mir mal schlecht ging, was habe ich da gebraucht?“, fragte sie ihre Mutter, als diese wieder einmal über Alex jammerte.

“Was denn, Jana?“ fragte diese.

“Menschen, die für mich da waren. Ihr. Familie. Ihr habt mich nie im Stich gelassen, egal was war. Alex hat niemanden. Ich lasse ihn nicht alleine. Er ist ein wunderbarer Mensch. Es ist nur diese Krankheit!“

“Ich möchte nicht, dass Marlene und du leidet. Er macht nur Ärger.“, sagte ihre Mutter.

“Marlene leidet mehr, wenn sie ihren Vater nicht kennen lernen kann. Das möchte ich ihr ersparen, ich habe es mir geschworen! Sie soll mit uns beiden aufwachsen, eine Familie haben. Und lässt man jemanden aus der Familie im Stich, wenn er krank ist?“

“Ich mache mir nur Sorgen. Und du kannst ihn nicht retten. Er muss sich selbst helfen. Sonst kann das keiner“, erwiderte ihre Mutter leise.

“Ich weiß das, Mama. Wirklich. Aber da sein, das kann ich.“ sagte Jana entschieden.

Sie atmete mehrfach tief durch, um sich zu beruhigen und schlich in das große, gemütliche Wohnzimmer zurück. Wie immer hielt sie in der Tür inne, lehnte sich an den Rahmen und ließ den Blick kurz durch den Raum streifen, bevor sie hinein ging. Sie durfte jetzt nicht die Nerven verlieren.

„Bloß nicht heulen, Jana! Du darfst dich nicht jedes Mal davon fertig machen lassen. Lenk dich ab, schau dir dein Wohnzimmer an.“, sagte sie leise zu sich selbst.

Wohnungsgestaltung war ein Hobby von ihr. Eins von vielen, ein sehr geliebtes. Aber erst, seit sie und Marlene hier wohnten. Es war das erste Mal, dass sie sich an einem Ort so vollkommen zu Hause fühlte. Sie war angekommen. Dieser Moment, wenn sie den Schlüssel ins Schloss steckte, ihn drehte und hinein ging, war wunderbar. Das Gefühl von Wärme, Herzlichkeit und Liebe.

Jedes Detail hier war genau geplant und umgesetzt. Die Wände waren sandfarben gestrichen, die Fenster riesig. Janas erste Anschaffung nach dem Einzug waren Pflanzen. Yukka-Palmen von IKEA und kleinere Gewächse für die Fensterbänke. Sie fand, dass Pflanzen in einer Wohnung mehr Atmosphäre und Lebensfreude schafften, als jede andere Verschönerung. Wandtattoos zierten die Tapete, eine weiße Couch lud zum Relaxen ein, ein Schreibtisch stand quer in jener Ecke, wo andere Menschen sicher einen Fernseher stehen hätten. Jana hasste Fernsehen, deswegen gab es eben keinen.

Bilder von Freunden und Familie, eingerahmt oder teilweise auch einfach an die Wand gepinnt, vollendeten das Bild.

Früher legte sie keinen großen Wert auf Einrichtung, Hauptsache praktisch. Doch seit Marlene da war, verspürte sie das Bedürfnis, ein Nest zu bauen, ein eigenes, persönliches kleines Reich. Es sollte bunt, gemütlich und herzlich sein. Kein Monat ohne neue Deko, keine Woche, ohne dass Jana sich neue Ideen in ihrem Notizbuch aufschrieb und im Netz nach Inspirationen stöberte. Sie liebte Pinterest, seine Boards und die kreative Vielfalt dort.

Viel Geld besaß Jana nicht, aber sie beschäftigte sich auf Webseiten, mit YouTube Videos und dem Lesen von Büchern damit, wie man viel Wohnlichkeit aus wenig Geld zaubern konnte. Es gab tolle Dinge zu lernen.

Sie liebte es, dazu zu lernen. Immer etwas Neues.

“Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich mich das erste Mal selber richtig zu Hause fühle“, dachte sie und verspürte wie so oft diese Dankbarkeit. Sie war noch nie so glücklich gewesen.

Das Leben hatte ihr schon oft nicht die besten Karten zugespielt. Sie hatte viel mitgemacht. Dass vieles so gekommen war, wie sie es sich im Inneren immer gewünscht hatte, war Wahnsinn. “Du hast auch hart dafür gekämpft“, sagte sie zu sich selbst. Sie klopfte sich innerlich auf die Schulter. Wenn man keinen hatte, der das sonst tat, musste man das eben selbst übernehmen, wenigstens ab und zu.

Es klingelte Sturm. Jana hätte schreien können. Sicher hatte Alex etwas vergessen oder wollte sie noch weiter verletzen. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, wie er, der sonst so einfühlsame, liebevolle Vater, in seinen “Phasen“ (sie nannte es immer so) so rücksichtslos sein konnte. Er wusste doch, dass Marlene schlief und wie wertvoll die kleinen Zeitinseln für sie selbst waren.

Doch es war, als wäre ein anderer Mensch eingezogen und dieser liebenswerte, kluge, humorvolle Kerl, gutaussehend auf eine dunkle Art, dafür spurlos verschwunden.

“Ich habe meinen Tabak vergessen“, blaffte er sie an und wollte an ihr vorbei in die Wohnung. Seine dunkelbraunen Augen funkelten in einer ungesunden Weise. Alles Sanfte, Freundliche war aus ihnen verschwunden.

Riesig war er, fast zwei Meter groß. Jana wirkte dagegen mit ihren 1,59 wie eine Zwergin. Wenn er so drauf war, fühlte sich das noch mehr so an.

Sie stellte sich ihm in den Weg, schaute ihm gerade in die verzweifelten Augen und sagte ruhig: “Du riechst nach Bier. So kommst du hier nicht rein. Ich hole deinen Tabak.“

Er funkelte sie böse an, widersprach aber nicht. Jana wusste, dass er trotz seiner Wut völlig harmlos war. Sie zwang sich, ganz ruhig zu bleiben.

Aus Erfahrung wusste sie, dass jedes weitere Wort von ihr nur zu einer Verschlechterung der Lage beitragen würde. Sie würde ihn nicht zu einer Einsicht bewegen. Sie war in Alex´ Augen im Moment die Böse, ein Monster. Völlig egal, WAS sie sagen oder tun würde. Seine Stimmen sagten es ihm – und er hörte auf sie.

Ob sie Verständnis zeigen, ihn einfach umarmen oder ihn anschreien würde: Sie hatte alles versucht, wirklich alles. Er war nicht zu erreichen. Es war wie in dem Lied von Christina Stürmer “ Ohne dich“: Du bist der König deines dunklen Königreichs, doch du hast keine Macht. (Nicht mehr. Nicht über mich, denn ich kann allein sein….)

So gab sie ihm wortlos seinen verdammten Tabak und machte die Türe zu. Sie versuchte, Traurigkeit und Wut nicht Herr ihrer Sinne werden zu lassen, denn sie hatte ein Kind zu versorgen und ihre Tochter brauchte sie. Bewusst konzentrierte sie sich wieder auf ihr Wohnzimmer. “Fokus auf das hier und jetzt, Jana!“ sagte sie leise zu sich selbst.

Jana ließ sich auf die weiße Eckcouch sinken. Durch die Tür konnte sie Marlene im Bett liegen sehen. Ihre 11 Monate alte Tochter schlief tief und fest. Sie sah sehr friedlich aus im Schlaf, lächelnd und mit rosigen Wangen lag sie da und schnarchte ein bisschen.

Jana dachte wie so oft, dass sie noch nie etwas Schöneres gesehen hatte, als dieses Kind. Ihr Kind. Es gab nichts, was je mehr Sinn gemacht hatte. Das kleine Mädchen hier, das war das, was zählte.

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